Bremer Rathaus

von Fritz Dehn, 1947, Aquarell

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wollte Fritz neu durchstarten, wie viele Menschen in der damaligen Zeit. Dass er sich allerdings für die Kunst entschied, mit der er eine fünfköpfige Familie „durchbringen“ und für die Zukunft ernähren wollte, erschien bereits damals vielen aus seinem unmittelbaren Umfeld als mutig. Doch Fritz machte in seinem Sinne Nägel mit Köpfen und besuchte die Staatliche Kunstschule Bremen. Aus dieser Zeit, als Bremen noch größtenteils mit Aufbauarbeiten beschäftigt war, schlenderte Fritz als freier Maler durch die manchmal menschenleere Stadt und malte seine Eindrücke. Dieses Aquarell aus dem Jahre 1947 zeigt das Bremer Rathaus in Blickrichtung Dom. Hätte Fritz dieses Motiv so später gemalt, wären sicher auch die Bremer Stadtmusikanten mit aufgetaucht.

Die Lilie

von Fritz Dehn, 1947, Aquarell

Gartenprofis wissen natürlich, dass sich Lilien äußerst ungerne umsetzen lassen und man sie am besten in der Nachbarschaft von Gehölzen, zwischen Kleinstauden und niedrigen Sträuchern pflanzt. Da Fritz und Maria 1947, als Fritz dieses Aquarell malte, sicher andere Sorgen hatten, als hinter der alten Molkerei in Appeln Blumen zu pflanzen, wird diese Lilie dort schon gestanden haben, gepflanzt von Marias Mutter Emilie, die dort über Jahrzehnte aus einem ehemaligen Stück Acker einen großen Blumengarten schuf. Sollte Fritz dieses Aquarell draußen im Garten gemalt haben, dürfte er sich dort wahrscheinlich zwischen Mai und September aufgehalten haben, da die meisten Lilien Sonne lieben – so wie Fritz auch.

Schuhmacher Klaus Karkick

von Fritz Dehn, 1947, Aquarell

Schuster, bleib’ bei deinen Leisten. Fritz als ehemaliger Fabrikbesitzer und damaliger Hobbymaler tat das nicht. Er wählte spät die Kunst, blieb dann aber zeitlebens dabei. Nach Kriegsende hatte er mit Ehefrau Maria die Idee, mit der Kunst Geld zu verdienen. Reguläre Ausstellungen waren zu der damaligen Zeit nur schwer zu realisieren. Einzige sich bietende Möglichkeit war eine Weihnachtsausstellung. Dafür brauchte es allerdings Bilder und die mussten erst einmal geschaffen werden. Aquarelle waren da eine kostengünstigere Lösung als Gemälde in Öl. reich konnte man in dieser Nachkriegszeit mit dem Verkauf von Bildern sicherlich auch nicht werden, da ging es den beiden nicht viel anders als dem Schumacher Karl Karkick auf dem Bild, aber damals zählte jede Mark.

Die Himmelszeichen, Entwurf 1+2

von Maria Dehn-Misselhorn, 1963, Ölkreide

Zwei von weiteren farbigen Skizzen sind hier abgebildet. Mit Marias Bildtitel sind die zwölf Sternzeichen gemeint. Glaubt man ihrer schriftlichen Anmerkung: »Entwurf in Originalgröße 1,85 x 4,25 m«, hätte diese Auftragsarbeit Anfang der 60er Jahre für das Seeoffiziersheim Borkum auch am Webstuhl in Appeln entstehen können. Doch der gefertigte Teppich wurde größer und misst heute 3,00 x 8,00 m und wurde daher als Auftragsarbeit in Worpswede im »Haus im Schluh« gefertigt. Gewebt wurde er von Bettina Müller-Vogeler + Tochter. Auf Nachfrage in Worpswede wurde mir mitgeteilt, dass dort an diesem Wandteppich drei Frauen nebeneinander gewebt haben und die Herstellungszeit ein Jahr dauerte. Als Kind stand ich einmal staunend vor diesem riesigen »Ungetüm« und wollte das vor einigen Jahren auf Borkum im Seeoffiziersheim noch einmal nachholen, hatte jedoch Pech. Der Standort auf  Borkum war mittlerweile aufgelöst worden. Unter der mehrwöchigen Mithilfe der Borkumer Bevölkerung gelang es, den Mann ausfindig zu machen, der diesen riesigen Teppich vor Jahren einpackte und ihn nach Hannover verschickte. Dort hängt er noch heute – bei der Bundeswehr.

Der Webstuhl

von Fritz Dehn, 1963, Aquarell

Anfang der 60er Jahre orientierte sich Maria künstlerisch um und richtete ihr Augenmerk nicht mehr in erster Linie auf die Malerei. Porträtaufträge und hin und wieder ein Blumenbild fertigte sie zwar noch, befasste sich aber fortan intensiv mit Entwürfen für Applikations- und Wandteppiche in unterschiedlichen Größen. Etliche dieser Entwürfe, zum Teil auch Auftragsarbeiten für öffentliche Einrichtungen, fertigte Maria Zuhause in Appeln in der Alten Molkerei, in der sie auch gemeinsam mit Fritz ihr Atelier besaß. Wie ernst es Maria mit dieser neuen »Kunstrichtung« war, verdeutlicht die Tatsache, dass sie über einen eigenen Webstuhl verfügte, an dem sie entweder allein oder oft auch mit der ältesten Tochter Urte gemeinsam saß. Gobelins und Wandteppiche bis zu einer Breite von ca. 1,80 m – 2,00 m konnten hier problemlos ohne fremde Hilfe umgesetzt werden. Folgerichtig tauchte daher in dieser Zeit auch gelegentlich der Name Urte Dehn auf Ausstellungsplakaten von Maria auf.

Urte Dehn

von Maria Dehn-Misselhorn, ca. 1960, Öl

1960 hießen Clubs nicht Diskotheken, sondern noch Tanzdielen. Dort traf sich die Jugend bereits um 17 Uhr zum Tanztee. Conny Froboess sang bereits 1958: »Kinder wär das wunderschön, wenn auf dieser Welt alle Menschen sich versteh’n, wie’s die Jugend hält. Denn wir pfeifen gut und gern auf die Politik, uns verbindet nah und fern unsere Musik.« (aus ›Hey, Mr. Music‹). Dazu passt das Bild der damals 20jährigen Urte, was ein wenig so anmutet, als ob es einer altern Modezeitschrift entnommen worden sei. Der Petticoat, der unter langen, weiten und taillenbetonten Röcken getragen wurde, war quasi Pflicht für die Mädels, wenn es auf der Tanzfläche um Rock’n’Roll und Twist ging. Zuhause wird meine Cousine dieses Outfit eher selten angehabt haben, da es für die Arbeit mit ihrer Mutter Maria am Webstuhl mehr als unpraktisch gewesen wäre.

Geburtstagsbild für Urte

von Fritz Dehn, 23.5.1940, Aquarell

Auf der Rückseite schrieb Fritz: »Meiner lieben kleinen Urte sei dies Bild, das ich am Tage ihrer Geburt malte als Erinnerung gewidmet von ihrem Pappi. – Geschrieben im Jahre des Russeneinfalls 31.1.1945.«

Zu diesem Zeitpunkt wohnte er mit Familie in Fiddichow, dem heutigen Widuchowa, am östlichen Oderufer, 25km südlich von Stettin. Die Schlacht um Ostpommern fand während des 2. Weltkrieges vom 10.2. – 4.4.1945 im heutigen nördlichen Polen statt, das damals Teil des Deutschen Reiches war. Die Angst der deutschen Bevölkerung in den von der Roten Armee eroberten Gebieten vor sowjetischer Besetzung und vor der »Rache der Eroberer« führte damals zur Massenflucht der dort lebenden Bevölkerung Richtung Westen. Die Geflüchteten konnten nach Kriegsende nicht zurückkehren und wurden somit zu Heimatvertriebenen. Unter den Flüchtlingen kurz vor Ende des Krieges war auch Maria mit ihren Kindern Jochen, Urte und Dorothea. Fritz geriet in Gefangenschaft, kam jedoch wenig später frei.

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Skizzen der Tochter Dorothea

von Maria Dehn-Misselhorn, 4.1.1957, Bleistift

Beim Durchblättern der Skizzen fiel mir sofort das Datum auf. Zum einen, weil ich es ungewöhnlich finde, Skizzen mit einem Datum zu versehen und zum anderen, weil die Skizzen im Januar zu Papier gebracht wurden. Die Zeichnungen sehen auch nicht danach aus, als ob Marias jüngste 13jährige Tochter Dorothea an diesem 4. Januar großartig Lust gehabt hätte, für ihre Mutter Modell zu sitzen. Damals wird es, so stelle ich es mir jedenfalls vor, bei Jugendlichen nicht viel anders zugegangen sein als heute: Es ist Januar, draußen herrscht ungemütliches Wetter, man muss seine Zeit irgendwie notgedrungen im Haus totschlagen und lungert lustlos im Wohnzimmer herum … Und dann, wie scheinbar in diesem Fall, rückt einem plötzlich die eigene Mutter mit Bleistift und Zeichenblock auf die Pelle …

Hildegard Wesch

von Maria Dehn-Misselhorn, 1954, Öl

Bereits 1948 porträtierte Maria ihre jüngere Schwester Hildegard, der das Bild jedoch nie wirklich gefiel. Zitat: »Darauf sehe ich viel zu ›plunschig‹ aus.« Das Bild wurde dennoch immer wieder einmal in der Wohnung aufgehängt, verschwand dann irgendwann in der Versenkung, hat aber bis heute »überlebt«. Sechs Jahre später nahmen die beiden Schwestern einen erneuten malerischen Anlauf. Diesmal, 1954, war Hildegard mit der Arbeit ihrer älteren Schwester Maria zufrieden und durfte im Vorfeld sogar selbst über ihr Outfit entscheiden. Das leuchtende Blau ihrer Seidenbluse war also für Maria vorbestimmt. Die Bluse hat im Gegensatz zum Bild selbst und der dort abgebildeten kleinen Brosche die Zeit bis heute nicht überdauert.  Der strenge Blick auf dem Bild war typisch für meine Tante Hildegard, die sich nach eigenem Bekunden auf diesem Porträt sehr gefiel.

Die Schwestern

von Maria Misselhorn, 1931, Foto/Öl

Viele Bilder hatte Maria in jungen Jahren noch nicht gemalt, aber die, die es bereits 1932 bis in die Kunsthalle Bremen schafften, erregten mehr als positive Aufmerksamkeit. So hieß es damals in einer Zeitungskritik zur Ausstellung: »… unter den neun oder zehn Bildern ist streng genommen nur eines, das uns sofort festhält: Das Bild ›Die Schwestern‹…« … »so was malt man erst mit Vierzig …« Dieses erwähnte Bild gibt es nicht mehr – nur diesen etwas unscharfen Fotoabzug. Es verschwand in den Wirren des 2. Weltkrieges. Maria malte 1931 im Alter von 23 Jahren ihre beiden Schwestern – die damals 21jährige Hildegard auf dem Sofa liegend und im weißen Kleid davor ein Buch lesend die 14jährige Ursula. Ein von Maria sehr durchdachtes, ungewöhnliches Geschwisterbild, das dem Betrachter fast so vorkommt, als ob es sich, falls es das in der Malerei geben würde, um einen Schnappschuss handele. Von beiden Schwestern existieren heute noch (von Maria gemalt) je drei Einzelporträt.