Glas mit rotem Rand

von Maria Misselhorn, 1930, Öl

Schon als Kind habe ich dieses Bild oft in den Händen gehalten, weil es mit seinen 37 x 29 cm so schön klein war. Gehängt habe ich es bei uns Zuhause in der Wohnung nie gesehen. Dieses Bild war, wie alle anderen Bilder an den Wänden  auch, von meiner Tante Maria in Öl auf sehr grober Leinwand gemalt und wieder einmal nicht bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Nach Auskunft meiner Mutter gab es mehrere solcher Bilder ihrer Schwester, die, wie sie sagte »noch nicht ganz fertig« waren und eventuell deshalb auch keine Signatur haben. Meine Mutter hatte sich das Bild nach eigenen Aussagen »geschnappt«, weil sie das Glas mit dem roten Rand so mochte.

Zwei Kühe auf der Wiese

von Fritz Dehn, 1955, Öl

Bereits der Titel des Bildes deutet auf den trockenen Humor des Meisters hin, handelt es sich bei diesem Motiv doch eigentlich um ein Stück der Landstraße von Appeln nach Volkmast, auf dem viel zu sehen ist, jedoch vielleicht erst beim zweiten Blick die genannten Kühe. Ob die Tiere auch wirklich dort gestanden haben, als Fritz dieses Bild malte, dürfte nicht wirklich sicher sein, da Fritz seine Landschaften nie exakt so abbildete, wie er sie vorfand, sondern gerne mit einzelnen Details komponierte. Mal fügte er etwas hinzu, ein anderes Mal ließ er etwas weg. Dieses Bild fällt bereits in die Zeit, als Fritz mit seiner Frau Maria in der alten Molkerei in Appeln eine eigene Galerie eröffnet hatte. Die »Zwei Kühe auf der Wiese« blieben bis heute im Familienbesitz.

Junger Mann in blau

von Emilie Misselhorn, 1932, Öl

Bei so viel intensiver Farbgebung könnte der Betrachter meinen, dass nicht rosa, wie sie einmal verriet, sondern blau die Lieblingsfarbe von Maria gewesen sei. Von einem Selbstbildnis als 19jährige und auch von dem Bild »Junger Mann in blau« war Emil Waldmann, ehemaliger Direktor der Kunsthalle Bremen, so angetan, dass er dem jungen Nachwuchstalent Maria eine Ausstellungsbeteiligung in seinem Hause ermöglichte. Dieses Bild besitzt eine hohe Intensität für den Betrachter und könnte auch erst in der heutigen Zeit entstanden sein: Ein junger Mann im Anzug mit Krawatte »lümmelt« sich auf dem Sofa. Man spürt beim Betrachten des Bildes die Nähe zwischen ihm und der Malerin. Bei dem jungen Mann in blau handelt es sich um Marias damals 19jährigen Bruder Heinrich, den sie im Oktober 1932 im Alter von nur 24 Jahren malte.

Hinter der alten Molkerei

von Fritz Dehn, 1957, Öl

Eine Spezialität von Fritz waren seine Dorfansichten und Landschaftsbilder. Trotzdem war er kein Landschaftsmaler. Im Gegensatz zu seiner malenden Ehefrau Maria malte Fritz selten Zuhause. Er war ständig draußen in der Natur – bei jedem Wetter. Die große Anzahl seiner Werke mit Motiven aus und um Appeln lassen ihn nachträglich als malenden Chronisten dieses Dorfes erscheinen. Bei dem Bild »Hinter der alten Molkerei« entfernte sich Fritz mit seiner Staffelei nur wenige Meter von seinem Atelier in der Molkerei und fing trotz seiner leicht oberflächlich wirkenden Pinselführung – immer nah an der Realität – einen typischen Sommertag in Appeln ein.

Frau am Spinnrad

von Emilie Misselhorn, ca. 1925, Öl

Die Zeichenstunden in Bremerhaven nach ihrem Schulabschluss waren bei Maria gut investierte Zeit. In der Dorfschule in Appeln fiel sie ihrem Lehrer nicht als besonderes Zeichentalent auf. Ihrer Mutter Emilie blieb die Leidenschaft fürs Zeichnen jedoch nicht verborgen und sie überzeugte in mehreren Gesprächen ihren Ehemann Heinrich, diese Begabung zu fördern. Das war auch der Grund, warum Maria bereits mit 15 Jahren Unterricht beim Worpsweder Maler Karl Krummacher erhielt. Er war im Künstlerdorf für seine Personenstudien bekannt und geschätzt. In diese Zeit fällt das Bild »Frau am Spinnrad«, das für eine Kohlezeichnung bereits eine ungewöhnliche Präzision aufweist. Da die Signatur und Jahresangabe fehlen, dürfte es sich hierbei um eine »Arbeitsprobe« handeln.

Bunter Blumenstrauß

von Emilie Misselhorn, 1935, Öl

Zu Lebzeiten galt Maria zumindest in Norddeutschland als »die« Blumenmalerin, die, in der damaligen Molkerei in Appeln wohnend, einmal sagte: »Blumen und Natur liebe ich sehr und bin ja auch als Landmensch eng damit verbunden.« In den entsprechenden Jahreszeiten hinter dem Haus einfach in den großen Garten zu gehen, Blumen zu schneiden oder zu pflücken, um sie dann als großen, üppigen Strauß in die Vase zu stellen, war lange Zeit für Maria ein Ritual. Sie holte sich die Natur ins Haus und malte. Dieses Bild entstand ein Jahr vor ihrem Umzug nach Pommern, wo sie Fritz Dehn aus Fiddichow a.d. Oder heiratete. Warum Maria zusätzlich zum Entstehungsjahr mit 26.6. noch Tag und Monat angab, ist heute nicht mehr zu ermitteln.

Emilie Misselhorn

von Emilie Misselhorn, 1929, Öl

Nach ihrer Schulzeit ermöglichte Emilie Misselhorn ihrer ältesten Tochter Maria Malunterricht beim Maler Kurt Schumacher in Worpswede. Nach drei Semestern an der Kunstgewerbeschule in Bremen (1923 – 1925) bei Prof. Menz und Prof. Kleinhempel folgte ein Aufenthalt an der Kunstakademie in Kassel. Und in Berlin (1927 – 1928) nahm sie Unterricht bei den Künstlern Willi Jaeckel und Eugen Spiro.
Dieses Bild aus dem Jahre 1929 trägt auf der Rückseite den handschriftlichen Vermerk meiner Tante Maria: »Bild Nr. 2, unverkäuflich, meine Mutter«.
Bis auf ein oder zwei Ausnahmen war dieses gemalte »Dankeschön« an die Mutter nie in Ausstellungen zu sehen, sondern blieb durchgängig bis heute in Familienbesitz.

Mädchen mit Feuerlilien

von Fritz Dehn, 1964, Öl

Mit diesem Bild, das 2010 in der »Misselhorn-Dehn-Ausstellung« in der Burg Hagen hing, begann zwischen mir als Neffen des Malers und dem damaligen Galeristen der Ausstellung, Alwin Bergmann (1955 – 2017) eine wunderbare Zeit mit stundenlangen Gesprächen und vielen Geschichten über die Bilder des Maler-Ehepaares aus Appeln. Bei dem Bild »Mädchen mit Feuerlilien« handelt  es sich um die Tochter des Malers. Fritz muss nicht nur seine Tochter Urte, sondern auch sein fertiges Werk sehr gemocht haben, hat er es doch in vielen Ausstellungen präsentiert: Bremerhaven (1966), Bersenbrück (1967), Hildesheim (1968), Dorum (1974). Mitte der 60er Jahre war die knappe Formensprache meines Onkels Fritz ein typisches Merkmal seiner Arbeiten.

Bilder für Zuhause – Homepictures statt Homeoffice

Das Ehepaar Maria Misselhorn & Fritz Dehn aus Appeln

In einer Zeit, in der die Besucher nicht zu den Bildern dürfen, können oder wollen, müssen die Bilder halt zu den Betrachtern kommen.

Als Neffen des malenden Ehepaares Maria Dehn-Misselhorn (1908 – 1980) und Fritz Dehn (1906 – 1979) aus Appeln bei Beverstedt war ich mein ganzes Leben von unzähligen Bildern der beiden umgeben. Mal in Öl, als Aquarell, mal mit Kohle gezeichnet oder nur als schnelle Bleistiftskizzen. Bei Maria kamen noch die zum Teil sehr aufwendig gestalteten Wandteppiche dazu. Nicht nur die von den beiden geschaffene Ahnengalerie blickte schon in meiner Jugend auf mich herab, auch Unmengen an Landschaftseindrücken und Blumenstillleben durfte ich bewundern. Diese Bewunderung für die beiden und ihr Werk ist bei mir bis heute geblieben. Zeit, auch andere Menschen auf diesem Homepage-Weg der Burg zu Hagen an ein paar wunderschönen, von mir ausgesuchten Motiven teilhaben zu lassen.

Matthias Höllings, Mai 2020