Alles hat ein Ende …

»In einer Zeit, in der die Besucher nicht zu den Bildern dürfen, können oder wollen, müssen die Bilder halt zu den Betrachtern kommen.«

Das waren meine ersten Zeilen für diese Homepage-Präsentation der Burg zu Hagen. Danach habe ich mir Bilder aus dem Fundus von Maria Misselhorn und ihrem Ehemann Fritz Dehn ausgesucht und ein paar persönliche Anmerkungen dazu geschrieben.

Jetzt, nach 111 Motiven, soll es genug sein. Nicht, dass es keine weiteren Bilder mehr gäbe, sondern weil ich so eine Idee auch nicht überstrapazieren möchte.

Bei der Burg zu Hagen bedanke ich mich sehr bei Katrin Feldmann, die spontan von der Idee der etwas anderen Art von Ausstellung begeistert war. Ebenso bei Axel Wüst, der Tag für Tag dafür gesorgt hat, dass meine ausgesuchten Motive und die dazugehörigen Texte auch wirklich auf der Homepage erschienen sind.

Mein abschließender Dank geht an alle die Neugierigen, die über die Dauer von über drei Monaten immer mal wieder diese Homepage-Ausstellung Zuhause an ihrem PC besucht und zum Teil auch ihre netten Kommentare hinterlassen haben.

Bleibt mir zu hoffen, dass auch Maria & Fritz genauso viel Spaß und Freude an dieser Präsentation ihrer Bilder gehabt hätten, wie ich sie hatte.

Matthias Höllings, August 2020

Das verliebte Ehepaar

von Fritz Dehn, Zeichnung

Das Märchen von Fritz & Maria: Es war einmal ein junger Mann in Pommern vor vielen, vielen Jahren. Der sollte von seinem Vater eine Fabrik übernehmen. Große Lust hatte er dazu nicht. Er wollte nur eines: malen, malen, malen. Von einem Vertreter, der viel und weit über Land zog, hörte er von einem jungen Mädchen Maria aus einem ganz kleinen Dorf namens Appeln. Auch sie wollte nichts anderes als malen. Der junge Fritz wurde neugierig und machte sich auf den Weg. Er traf diese Maria und verliebte sich in sie – und sie sich auch in ihn. Nun malten sie gemeinsam, heirateten und bekamen drei Kinder. Durch den Krieg waren sie einige Zeit getrennt, aber als der vorbei war, fand die Familie in Appeln ein neues Zuhause. Fortan malten beide bis an ihr Lebensende gemeinsam und beglückten nicht nur sich selbst mit ihren schönen Bildern, sondern auch viele Menschen in ihrer Umgebung. Und wenn die Bilder nicht abgehängt worden sind, dann hängen sie noch heute

Wappen von Bederkesa

von Maria Dehn-Misselhorn, 1960er Jahre, Ölkreide, Entwurf

Einige Bilder, Skizzen oder Entwürfe können einem noch nach Jahrzehnten Rätsel aufgeben. So dieser Entwurf von Maria für einen Wandteppich. Unschwer ist die Burg Bederkesa zu erkennen, ein paar Schilde, Wappen, ein Roland und Jahreszahlen. Man müsste einmal jemanden fragen, der sich mit Geschichte auskennt, dann käme man den Ideen und Auslösern von Maria für diesen Entwurf etwas näher. Bekannt ist, dass ein gewisser Ritter Bederich in der Gegend am südwestlichen Seeufer eine Ahe – einen Herrenwald besaß, der wurde Bederich-Ahe genannt. Seine Nachfahren errichteten dann später dort eine Burg. Der Name blieb und ging dann auf den Ort über. 1421 nahm die Stadt Bremen die Burg in Besitz. Seit 1602 steht der kleine Roland als Zeichen der Gerichtsbarkeit im Burghof und über hundert Jahre später mischten hier die Schweden mal kräftig mit. Aber was genau war hier 1460, 1654 und 1735 los? Der Schlüssel im roten Wappen wurde aus der Stadt Bremen entlehnt, der das Amtsgebiet von 1381-1654 gehört hat. Aber es bleiben Fragen offen.

Mädchenauge

von Maria Dehn, 40er Jahre, Öl

Dieses Bild entdeckte ich eher zufällig bei einem meiner Besuche beim Galeristen Alwin Bergmann in Kirchwistedt. Er hatte aus seinem Bekanntenkreis den Auftrag bekommen, dieses Bild zu reinigen und erwähnte beiläufig, dass Maria beim Signieren wohl die Jahreszahl vergessen hätte. Da ich Zuhause (Zufall oder nicht) die auf dem Bild abgebildete türkisfarbene Porzellandose besaß und noch besitze, konnten wir Maria »auf die Schliche« kommen. Die Dose hatte ich von meiner Mutter geerbt, die sie von ihrer Mutter Emilie übernommen hatte. Die wiederum war 1945 gestorben. Maria hatte bis zu ihrer Heirat 1936 ihre Bilder mit M. Misselhorn signiert. Nach der Heirat dann für kurze Zeit nur mit M. Dehn. Daher vermuteten wir, dass das Entstehungsjahr dieses Bildes irgendwo Anfang der 1940er Jahre liegen müsste. Nach Reinigung des Bildes konnte Alwin Bergmann auf mein Drängen hin die Besitzer des Bildes davon überzeugen, dass das Bild »eigentlich« doch zur Original-Porzellandose gehört. Und so kam es dann auch.

Blick auf die neue Heimat

von Maria Dehn-Misselhorn, 1937, Aquarell

Dieses eher unscheinbare Aquarell von Maria bekommt nach Jahrzehnten in dem bis heute zusammengetragenen Fundus doch eine besondere Bedeutung. Maria gab diesem Bild keinen Titel, aber die gerade noch zu erkennende Kirchturmspitze verrät, dass es sich um einen Blick vom Ortsrand auf ihren »neuen« Wohnort Fiddichow in Pommern handelt. Ende 1936 hatte sie Fritz Dehn geheiratet, der aus diesem Ort stammte und beide waren dort hingezogen. Da Maria dieses Bild 1937 malte, ist zu vermuten, dass es eines der ersten Bilder ist, das Maria während oder nach einem längeren Spaziergang rund um den Ort gemalt hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Bildern, die bis 1945 dort von ihr entstehen sollten, ist dieses Aquarell eines der wenigen, das es bereits damals bis in ihr Elternhaus in Appeln geschafft hat. Fast alle anderen Bilder gingen verloren. Dieses kleine Aquarell blieb erhalten.

Die Unbekannte

von Fritz oder Maria?, Öl

Wer ist diese unbekannte Schönheit? War Fritz wieder einmal in fremden Ländern unterwegs und hat sie auf einem Marktplatz entdeckt? Ist es vielleicht ein Entwurf von Maria für eine Auftragsarbeit für einen großen Wandteppich gewesen? Gab es bei beiden eventuell im Bekanntenkreis eine Person, die der abgebildeten ähnelt? Wurden Fritz und/oder Maria durch eine Abbildung in einem musealen Katalog inspiriert? Hat sich einer der beiden für afrikanische Einflüsse in der Bildhauerei und der bildenden Kunst interessiert? War es eine Auftragsarbeit? Warum wählten Fritz oder Maria einen leuchtend roten Hintergrund – so völlig untypisch für ihre sonstigen Bilder? Warum ist dieses Bild, dieser Entwurf, diese Skizze, dieses Porträt weder von ihm noch von ihr signiert? Wer ist diese Unbekannte?

Die Himmelszeichen, Entwurf 1+2

von Maria Dehn-Misselhorn, 1963, Ölkreide

Zwei von weiteren farbigen Skizzen sind hier abgebildet. Mit Marias Bildtitel sind die zwölf Sternzeichen gemeint. Glaubt man ihrer schriftlichen Anmerkung: »Entwurf in Originalgröße 1,85 x 4,25 m«, hätte diese Auftragsarbeit Anfang der 60er Jahre für das Seeoffiziersheim Borkum auch am Webstuhl in Appeln entstehen können. Doch der gefertigte Teppich wurde größer und misst heute 3,00 x 8,00 m und wurde daher als Auftragsarbeit in Worpswede im »Haus im Schluh« gefertigt. Gewebt wurde er von Bettina Müller-Vogeler + Tochter. Auf Nachfrage in Worpswede wurde mir mitgeteilt, dass dort an diesem Wandteppich drei Frauen nebeneinander gewebt haben und die Herstellungszeit ein Jahr dauerte. Als Kind stand ich einmal staunend vor diesem riesigen »Ungetüm« und wollte das vor einigen Jahren auf Borkum im Seeoffiziersheim noch einmal nachholen, hatte jedoch Pech. Der Standort auf  Borkum war mittlerweile aufgelöst worden. Unter der mehrwöchigen Mithilfe der Borkumer Bevölkerung gelang es, den Mann ausfindig zu machen, der diesen riesigen Teppich vor Jahren einpackte und ihn nach Hannover verschickte. Dort hängt er noch heute – bei der Bundeswehr.

Urte Dehn

von Maria Dehn-Misselhorn, ca. 1960, Öl

1960 hießen Clubs nicht Diskotheken, sondern noch Tanzdielen. Dort traf sich die Jugend bereits um 17 Uhr zum Tanztee. Conny Froboess sang bereits 1958: »Kinder wär das wunderschön, wenn auf dieser Welt alle Menschen sich versteh’n, wie’s die Jugend hält. Denn wir pfeifen gut und gern auf die Politik, uns verbindet nah und fern unsere Musik.« (aus ›Hey, Mr. Music‹). Dazu passt das Bild der damals 20jährigen Urte, was ein wenig so anmutet, als ob es einer altern Modezeitschrift entnommen worden sei. Der Petticoat, der unter langen, weiten und taillenbetonten Röcken getragen wurde, war quasi Pflicht für die Mädels, wenn es auf der Tanzfläche um Rock’n’Roll und Twist ging. Zuhause wird meine Cousine dieses Outfit eher selten angehabt haben, da es für die Arbeit mit ihrer Mutter Maria am Webstuhl mehr als unpraktisch gewesen wäre.

Skizzen der Tochter Dorothea

von Maria Dehn-Misselhorn, 4.1.1957, Bleistift

Beim Durchblättern der Skizzen fiel mir sofort das Datum auf. Zum einen, weil ich es ungewöhnlich finde, Skizzen mit einem Datum zu versehen und zum anderen, weil die Skizzen im Januar zu Papier gebracht wurden. Die Zeichnungen sehen auch nicht danach aus, als ob Marias jüngste 13jährige Tochter Dorothea an diesem 4. Januar großartig Lust gehabt hätte, für ihre Mutter Modell zu sitzen. Damals wird es, so stelle ich es mir jedenfalls vor, bei Jugendlichen nicht viel anders zugegangen sein als heute: Es ist Januar, draußen herrscht ungemütliches Wetter, man muss seine Zeit irgendwie notgedrungen im Haus totschlagen und lungert lustlos im Wohnzimmer herum … Und dann, wie scheinbar in diesem Fall, rückt einem plötzlich die eigene Mutter mit Bleistift und Zeichenblock auf die Pelle …

Hildegard Wesch

von Maria Dehn-Misselhorn, 1954, Öl

Bereits 1948 porträtierte Maria ihre jüngere Schwester Hildegard, der das Bild jedoch nie wirklich gefiel. Zitat: »Darauf sehe ich viel zu ›plunschig‹ aus.« Das Bild wurde dennoch immer wieder einmal in der Wohnung aufgehängt, verschwand dann irgendwann in der Versenkung, hat aber bis heute »überlebt«. Sechs Jahre später nahmen die beiden Schwestern einen erneuten malerischen Anlauf. Diesmal, 1954, war Hildegard mit der Arbeit ihrer älteren Schwester Maria zufrieden und durfte im Vorfeld sogar selbst über ihr Outfit entscheiden. Das leuchtende Blau ihrer Seidenbluse war also für Maria vorbestimmt. Die Bluse hat im Gegensatz zum Bild selbst und der dort abgebildeten kleinen Brosche die Zeit bis heute nicht überdauert.  Der strenge Blick auf dem Bild war typisch für meine Tante Hildegard, die sich nach eigenem Bekunden auf diesem Porträt sehr gefiel.